CHRISTINE LAVANT


CHRISTINE LAVANT GESELLSCHAFT

LITERARISCHE GESELLSCHAFT

CHRISTINE LAVANT

(1915 – 1973)

     

1915

Christine Thonhauser wurde am 4. Juli in Großedling bei St. Stefan im Lavanttal (Bezirk Wolfsberg) geboren. Sie ist das neunte Kind des Bergarbeiters Georg Thonhauser und seiner Frau Anna. Sie litt seit der Kindheit an Skrofeln, einer damals unter armen Leuten häufigen Krankheit, durch die sie fast erblindete, erkrankte an Lungenentzündung, Tuberkulose und infolge einer Mittelohrentzündung ertaubte sie auf einem Ohr beinahe vollständig. Durch die Behandlung mit Röntgenstrahlen erlitt sie Verbrennungen an Hals und Gesicht, die jahrelang nicht heilten und verunstaltete Narben hinterließen.
 
1921 – 1929
Besuch der Volksschule in St. Stefan. Trotz hoher Intelligenz verzögerter Abschluss auf Grund ständiger Erkrankungen. Bereits damals fiel sie aber im Deutschunterricht durch besondere schriftliche Ausdrucksfähigkeit auf.
 
1929
Der geplante Hauptschulbesuch muss nach wenigen Monaten wegen gesundheitlicher Beschwerden abgebrochen werden. Christine wohnt weiterhin bei ihren Eltern. Sie kann keine schweren körperlichen Arbeiten verrichten. Deshalb verlegt sie sich auf das Stricken, das später auch zu ihrem Broterwerb wird. Da sie ohne auf die Arbeit zu schauen gleichsam ‚blind‘ strickt, kann sie gleichzeitig lesen. Auf diese Weise eignet sie sich autodidaktisch eine überdurchschnittliche Bildung an.
 
1932
Christine sendet ihr erstes Romanmanuskript an den Leykam-Verlag in Graz. Der Text wird abgelehnt. Laut eigenen Aussagen vernichtet sie daraufhin alles, was sie bisher geschrieben hat.
 
1935
Schwere Depressionen und ein Suizidversuch; sie will abklären, dass sie nicht verrückt ist, und lässt sich ins LKH Klagenfurt einweisen. Der Aufenthalt in der psychiatrischen Abteilung wird zu einer traumatischen Erfahrung (vgl. Aufzeichnungen aus einem Irrenhaus, 2001).
 
1938
Kurze Zeit nach dem Tod des Vaters (1937) verliert Christine auch die Mutter. Sie muss die elterliche Wohnung verlassen, kommt bei Verwandten unter und verdient sich den kargen Unterhalt mit Strickarbeiten.
 
1939
Heirat mit dem viel älteren Maler (und früheren Gutsbesitzer) Josef Benedikt Habernig (1879 – 1964), den sie zwei Jahre zuvor kennengelernt hat. Das Ehepaar lebt in sehr ärmlichen Verhältnissen, wobei Lavants Einkünfte aus dem Stricken die Existenzgrundlage bilden. Von der Dorfgemeinschaft werden sie als Außenseiter behandelt.
 
1939 – 1945
Das Ehepaar Habernig lebt in großer Zurückgezogenheit. Es gibt keine überlieferten Äußerungen zum Zeitgeschehen. Auf Grund familiärer Beziehungen erhält Christine viele Lebensmittelmarken, die sie großzügig weiterverschenkt. Sie ist bereits damals starke Raucherin. Sie beschäftigt sich mit religiöser, mystischer und philosophischer Literatur. Christine stößt auf die Lyrik von Rainer Maria Rilke, die sie tief beeindruckt. Ihre Gedichte aus dieser Zeit sind, was Rhythmus, Stil und Sprachbilder betrifft, stark von Rilke geprägt. In späterer Zeit hat sie sich von diesen epigonenhaften Werken distanziert.


1945

Christine sendet Gedichte an das Ehepaar Dr. Adolf Purtscher in Klagenfurt, mit dem sie seit Mitte der dreißiger Jahre befreundet ist. Frau Purtscher reicht die Arbeiten an die Dichterin Paula Grogger weiter. Über diese kommen sie in die Hände des Verlegers Viktor Kubczak. Damit ist der Kontakt zwischen Christine und dem Stuttgarter Brentano-Verlag geknüpft.
 
1948
Der Brentano-Verlag stellt einen Bürstenabzug mit Gedichten unter dem Titel Die Nacht an den Tag her. Auf Vorschlag ihres Verlegers verwendet die Dichterin dabei erstmals das Pseudonym Christine Lavant, nach dem Fluss ihres Heimattals, der Lavant. Der Abzug geht verloren. Kubczak rät ihr, künftig Prosa zu schreiben. Die Erzählung Das Kind wird publiziert. Die Prosa von Christine Lavant handelt meist von Kindern und Außenseitern, sie ist nur scheinbar naiv und stark autobiographisch geprägt.
 
1950
Übersiedlung in das Mansardenzimmer der befreundeten Kaufmannsfamilie Lintschnig in St. Stefan.
Im November des Jahres liest Christine Lavant anlässlich der St. Veiter Kulturtage erstmals öffentlich aus ihren Werken. Damit wird sie innerhalb der literarischen Szene Kärntens zu einem Begriff. Bei dieser Veranstaltung lernt sie auch den Maler Werner Berg (1904 – 1981) kennen, mit dem sie bis ans Lebensende eine persönliche  Beziehung verbindet. Der intensive Kontakt führt zu gegenseitiger künstlerischer Beeinflussung: Werner Berg hält sein Lavant-Bild in mehreren Holzschnitten und Ölgemälden fest, und Lavant findet im Glück und Schmerz ihrer Liebe  zu dem Sprachstil und zu den Sprachbildern, die in der Folge das Charakteristische ihrer Lyrik ausmachen werden.
 
1955 – 1956
Lavant lernt den Komponisten Gerhard Lampersberg und seine Frau Maja kennen. Der Tonhof bei Maria Saal, stellt ein geistiges und kulturelles Zentrum im Kärnten der fünfziger Jahre dar. Neben Musikern und bildenden Künstlern verkehrten am Tonhof auch eine Reihe von Literaten wie zum Beispiel H. C. Artmann, Thomas Bernhard, Peter Turini, Gert Jonke.
 
1958
Auf Einladung des St. Georgs Klosters unternimmt Christine Lavant im Juni eine Reise nach Istanbul.
 
1963
Josef Habernig erleidet einen Schlaganfall und benötigt fortan ständige Betreuung. Dies führt auf Grund von Überlastung zu einem Nervenzusammenbruch Lavants, begleitet von Schlaf- und Appetitlosigkeit. Sie versucht, beides durch starkes Rauchen, Teetrinken und Einnahme von Schlafmitteln zu kompensieren. Während eines Aufenthalts im Landeskrankenhaus in Klagenfurt schließt sie Freundschaft mit dem behandelnden Arzt Dr. Otto Scrinzi.
 
1966
Lavant übersiedelt nach Klagenfurt, wo ihr vom Land Kärnten eine größere Wohnung in einem Hochhaus zur Verfügung gestellt wird. Der Aufenthalt sollte nicht von langer Dauer sein. Sie fühlt sich isoliert und kann das Heimweh nach der vertrauten Welt des Dorfes nicht überwinden.
 

1968
Rückkehr nach St. Stefan in das Mansardenzimmer der Familie Lintschnig.
 
1970
Häufig auftretende Krankheiten zwingen Lavant zu einer Reihe von Aufenthalten im Krankenhaus Wolfsberg, die bis zu ihrem Tod andauern.
 
1973
Christine Lavant stirbt am 7. Juni an den Folgen eines Schlaganfalls. Die Dichterin wird in einem Ehrengrab auf dem Friedhof St. Stefan beigesetzt.

Quelle:
Kalender zum 30. Todestag von Christine Lavant (2003)
Herausgeber: Robert-Musil-Museum in Zusammenarbeit mit der Christine Lavant Gesellschaft.

 

DIE BETTLERSCHALE


"Horch! Das ist die Leere Bettlerschale,
halb aus Lehm noch, aber halb schon Stein,
und sie trommelt dir bei jedem Male
Hungerlieder zwischen Brot und Wein."
Christine Lavant